Ratgeber
Windchill: warum fünf Grad plus sich wie minus drei anfühlen können
Das Thermometer zeigt eine Zahl, der Körper erlebt eine andere. Windchill erklärt warum – und wann es gefährlich wird.
Dein Körper erwärmt ständig eine dünne Luftschicht direkt an der Haut. Stehst du bei Windstille, bleibt diese Schicht erhalten und wirkt wie eine Isolierung. Bläst der Wind, wird diese Schicht ständig weggerissen und durch neue, kalte Luft ersetzt, was die Wärmeabgabe stark erhöht. Das ist der Effekt, der Windchill genannt wird.
Wichtig zu verstehen: Windchill senkt nicht die tatsächliche Temperatur. Ein Wasserrohr oder eine Autoscheibe werden nicht kälter als die Luft, nur weil es weht – sie kühlen lediglich schneller ab, bis sie die Lufttemperatur erreichen. Windchill beschreibt also, wie es sich für einen Menschen anfühlt, nicht wie kalt es tatsächlich ist.
So viel kälter fühlt es sich an
Die Tabelle zeigt die ungefähre gefühlte Temperatur für bloße Haut im Schatten. Sie basiert auf der nordamerikanischen und nordischen Standardformel für Windchill, die bei Temperaturen unter etwa +10 °C gilt.
| Lufttemperatur | Wind 5 m/s | Wind 10 m/s |
|---|---|---|
| +5 °C | fühlt sich an wie +2 °C | fühlt sich an wie 0 °C |
| 0 °C | fühlt sich an wie −4 °C | fühlt sich an wie −6 °C |
| −5 °C | fühlt sich an wie −10 °C | fühlt sich an wie −13 °C |
| −10 °C | fühlt sich an wie −16 °C | fühlt sich an wie −20 °C |
| −15 °C | fühlt sich an wie −22 °C | fühlt sich an wie −26 °C |
| −20 °C | fühlt sich an wie −28 °C | fühlt sich an wie −33 °C |
| −25 °C | fühlt sich an wie −34 °C | fühlt sich an wie −39 °C |
Der Effekt flacht ab
Der größte Teil der Windchill entsteht bereits in den ersten Metern pro Sekunde. Der Unterschied zwischen Windstille und 5 m/s ist groß; der Unterschied zwischen 15 und 20 m/s dagegen klein, weil die Luftschicht an der Haut schon vollständig weggeblasen ist. Deshalb überraschen nicht die allerstärksten Winde am meisten, sondern eine frische Brise an einem grauen, kalten Tag, wenn man sich nur nach dem Thermometer angezogen hat.
Wann es gefährlich wird
Bei einer gefühlten Temperatur um −25 °C kann bloße Haut innerhalb von etwa einer halben Stunde Erfrierungen bekommen. Um −35 °C schrumpft die Marge auf rund zehn Minuten, und bei −50 °C spricht man von Minuten. Nase, Ohren, Wangen und Fingerspitzen sind zuerst betroffen, da sie ein geringes Volumen im Verhältnis zu ihrer Oberfläche haben und am weitesten von der Wärmequelle des Körpers entfernt sind.
Feuchtigkeit verschlimmert alles. Nasse Fäustlinge, verschwitzte Unterwäsche oder Regen lassen den Körper viel schneller Wärme verlieren, als die Windchill-Tabelle vermuten lässt, da Wasser die Wärme um ein Vielfaches besser leitet als Luft. Ein nasser Tag bei +3 °C mit frischem Wind kann riskanter sein als ein trockener Tag bei −10 °C und Windstille.
Praktische Schlussfolgerungen
Zieh dich nach der Windvorhersage an, nicht nur nach der Temperatur. Eine winddichte Außenschicht nützt mehr als eine extra dicke Zwischenschicht, da sie die isolierende Luftschicht bewahrt. Bedecke Gesicht und Hände, wenn die gefühlte Temperatur unter −20 °C fällt, und plane Routen so, dass du den Wind auf dem Rückweg im Rücken hast, wenn du nass und müde bist.
Möchtest du ein Gefühl dafür bekommen, wie stark der Wind in der Vorhersage tatsächlich ist, kannst du am Windregler im Visualisierer ziehen und sehen, wie Bäume, Gras und lose Gegenstände reagieren.
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